Gesichtsfeldverschlechterung oder Messungenauigkeit?

  • Hallo in die Runde,

    ich hatte eine Gesichtsfelduntersuchung, bei der rauskam, dass sich der Defekt rechts innerhalb von 3 Monaten von MD -12,2 dB zu -13,6 dB verschlechtert hat.

    Ich kann das nicht einordnen, was bedeutet das? Ist das viel oder kann man das als Messungenauigkeit abhaken (ich war hochkonzentriert, habe nicht geblinzelt)?

    Die Ärztin hat nicht mit mir über das Ergebnis gesprochen. Ich bin aber beunruhigt.

    Mein Glaukom rechts hat sich innerhalb 1 ¾ Jahren von rechts -9,6 zu jetzt, wie gesagt, -13,6 entwickelt

    Meine Drucke waren aktuell re 10 und li 11, d.h. der Zieldruck ist jeweils erreicht.

    Den nächsten Termin habe ich in 3 Monaten.

    Ich wäre Euch sehr dankbar für eine Einschätzung.

    Ilse

  • Hallo Ilse,

    Messfehler von mehr als 1 dB sind bei mir schon bei einer Gesichtsfelduntersuchung aufgetreten, weil ich eine Brille mit relativ kleinen Gläsern trage und Messpunkte bei einer Messung außerhalb des Sichtfelds der Brille lagen. In der Darstellung des Gesichtsfelds fanden sich dann scheinbare Ausfälle ganz am Rand, die sich bei der nächsten Messung nicht reproduzieren ließen.

    Wenn man die mittlere Abweichung der Empfindlichkeit im Gesichtsfeld (MD) in einem Diagramm auf der y-Achse gegenüber der Zeit auf der x-Achse aufträgt und eine Ausgleichsgerade durch die Werte legt, dann lässt sich die Progression des Glaukoms daraus abschätzen, wenn genügend Messwerte vorliegen (mind. 5 Werte). Bei einer solchen Auftragung lassen sich auch Ausreißer durch Messfehler erkennen.

    Wenn es trotz eines Augendrucks von 10-11 mm Hg noch zu einer Progression kommt, dann macht es Sinn, Risikofaktoren zu verringern, die zu einer unzureichenden Durchblutung der Netzhaut führen können, z.B. Perioden zu geringen Blutdrucks, Störungen der Gefäßweitenregulation oder erhöhter Blutdruck in den Netzhautvenen.

    Gruß,
    Georg

  • Hallo Ilse, die Ärztin hat vermutlich nichts dazu gesagt, weil sie sich auch nicht sicher ist.

    Es ist nicht so einfach, eine Progression von einer Fluktuation zu unterscheiden.

    Schau nal hier:

    Monika Fischer: Interpretation von Gesichtsfeldern worauf soll ich achten.

    Was Georg angesprochen hat, ist vermutlich ki, man braucht dann zur Auswertung spezielle software, das macht nicht mal meine Uniklinik. Sie richten sich nach dem oct.

    Gruss Malve

  • Hallo Georg, hallo Malve

    ganz herzlichen Dank für Eure Antworten, es tut so gut, mit seinen Ängsten nicht allein zu sein.

    Das Diagramm, Georg, habe ich verstanden, gibt bei meinen bisher 5 Messungen noch nicht so viel her. Das Video, Malve, war diesbezüglich sehr aufschlussreich.

    Risikofaktoren verringern:

    Mein 24-Std-Blutdruck-Ergebnis ist okay.

    Flammer-Syndrom habe ich nicht, aber es könnte trotzdem eine vaskuläre Dysregulation im Auge vorliegen, oder?

    Und der retinale Venendruck müsste gemessen werden? Ich habe von IOPstim gehört, brauche ich das? Wo gibt es das?

    Wäre eine OCT-Angiographie sinnvoll?

    Brauche ich eine 24-Std-Augendruck-Liegendmessung (wird bei mir in München angeboten)?

    Ich werde dann wohl in 3 Monaten den Arzt oder Ärztin (ich habe jedes Mal wen anders) mit diesen Dingen konfrontieren.

    Liebe Grüße von

    Ilse

  • Hallo Ilse,

    Wozu Angio OCT? Ich hatte das zwar schon in einer Studie, aber für Therapie des Glaukoms ergeben sich daraus keine Ableitungen.

    Die Frage ist, ob Du eine Progression hast oder nicht.

    Gesichtsfelduntersuchungen sind leider nicht sehr exakt.

    Wenn da jetzt so eine starke Veränderung auftritt, kann das nur geklärt werden durch erneute Messungen.

    Leider bekommt man nur 1 GSF Untersuchung pro Jahr. Aber wenn Du Dir jetzt so grosse Sorgen machst, sprich doch noch mal mit Deinem Augenarzt, wie er den Befund beurteilt und ob die Untersuchung kurzfristig wiederholt werden kann.

    Gruß Malve

  • hallo Ilse,

    ich komme nochmal auf deine eingangs gestellte Frage zurück:

    ich hatte eine Gesichtsfelduntersuchung, bei der rauskam, dass sich der Defekt rechts innerhalb von 3 Monaten von MD -12,2 dB zu -13,6 dB verschlechtert hat.

    Ich kann das nicht einordnen, was bedeutet das? Ist das viel oder kann man das als Messungenauigkeit abhaken (ich war hochkonzentriert, habe nicht geblinzelt)?

    Ähnlich wie Malve und Georg bin auch ich der Meinung, dass man allein anhand des um 1,4 dB veränderten MD-Wertes nicht sagen kann, ob sich Dein Gesichtsfeld tatsächlich verschlechtert hat.

    Der MD (mittlere Abweichung) ist ein Durchschnittswert!

    Der berechnet sich als arithmetisches Mittel aus den Werten von (je nach Gerät) 60-80 Prüfpunkten. Gemessen wird dabei die Abweichung Deiner Lichtwahrnehmungsempfindlichkeit gegenüber der altersspezifischen Norm

    Offenbar hast Du die Ausdrucke Deiner Gesichtsfelder. Also schau Dir die einzelnen Auswertungen genauer an!

    Auf dem Ausdruck sind in der Regel die absoluten Messwerte verzeichnet und dann die Abweichung Deiner Werte von der Altersnorm. Gegebenenfalls gibt es noch eine korrigierte Abweichung, um Einflussfaktoren wie z.B. eine Linsentrübung herauszurechnen.

    Negative Vorzeichen bedeuten, dass Deine Werte niedriger als die Norm sind, keine oder positive Vorzeichen = höher als normal.

    Wenn Du diese Werte über die letzten Messungen vergleichst, bekommst Du ein besserer Bild vom Zustand und der Entwicklung Deines Gesichtsfelds!

    Je nach Gerät und Ausdruck hast Du noch eine farbcodierte Karte oder die Graustufen, anhand derer man erkennen kann, ob sich dunkle Areale über die letzten Messungen vergrößert oder vertieft haben.

    Auch ich hatte schon so zwischen 0,5 bis 3 dB Varianz beim MD von einer Messung zur anderen. Die haben sich aber dadurch erklärt, dass ich an einzelnen Messpunkten (relative) Defekte hatte, die dann bei der nächsten Messung verschwunden waren. Also tagesformbedingt!

    Möglich sind aber auch, ähnlich wie von Georg beschrieben, Artefakte durch die eigene Brille oder den Rand der Gläser, die man zur Korrektur der Fehlsichtigkeit in so einem Gestell vor das Auge bekommt. Wenn man da nicht exakt mittig durchguckt, oder die Kopfposition auch nur geringfügig verändert, sieht man Lichtpunkte am Rand nicht!

    Da gibt es so einiges an Einflussfaktoren, die natürlich in den MD-Wert eingehen.

    Wodurch das bedingt ist, erkennt man manchmal am Ausdruck. Mir jedenfalls hat das schon öfters geholfen.

    Auch ich würde versuchen, wie von Malve geraten, das GF zeitnah wiederholen zu können.

    LG

    Chanceline

    Einmal editiert, zuletzt von Chanceline (3. Februar 2026 um 02:06)

  • Vielen lieben Dank, Chanceline!

    Das alles beruhigt mich etwas. Der nächste Termin ist in 3 Monaten.

    LG von Ilse

  • Hallo Ilse,

    für die Auswertung des zeitlichen Verlaufs der MD-Werte der Gesichtsfeldmessungen benötigt man keine spezielle Software, das kann man sogar von Hand mit Bleistift und Millimeterpapier oder kariertem Papier machen. Eine ausreichend genaue Ausgleichsgerade kann man dann mit einem Lineal einzeichnen.

    Obwohl die statistische Auswertung von Gesichtsfeldmessungen und ihr Nutzen zur Beurteilung der Glaukomprogression seit 40 Jahren bekannt ist, benutzen deutsche Augenärzte diese diagnostischen Werkzeuge nur selten.
    https://glaukomforschung.ch/pdf/7.1.A.pdf

    Gruß,
    Georg

  • für die Auswertung des zeitlichen Verlaufs der MD-Werte der Gesichtsfeldmessungen benötigt man keine spezielle Software, das kann man sogar von Hand mit Bleistift und Millimeterpapier oder kariertem Papier machen. Eine ausreichend genaue Ausgleichsgerade kann man dann mit einem Lineal einzeichnen.


    Das werde ich jetzt jedes Mal machen, danke Georg

  • Hallo Georg

    danke für den interessanten link zu diesem Artikel von 1986!

    Vor 40 Jahren hatte man offenbar schon erkannt, dass es geeignete statistische Methoden braucht, um bei der Auswertung von Gesichtsfeldmessungen tatsächliche Progression von zufälliger Varianz zu unterscheiden.

    Der MD alleine leistet das ganz sicher nicht, wie dem Artikel zu entnehmen ist. es kommt vielmehr auf die Verknüpfung aller in der Perimetrie gebräuchlichen Indizes an.

    40 Jahr später, und bei den inzwischen gegebenen technischen Möglichkeiten, wäre es sicher gescheit, die Daten aus der Perimetrie mit denen der Bildgebung auf einer Plattform zu verbinden.

    Im Grunde macht das ja jeder vernünftige Augenarzt so, dass er die Ergebnisse von Perimetrie und Bildgebung im Zusammenhang sieht.

    Da wären sicher technologische Hilfestellungen möglich und hilfreich.

    https://www.researchgate.net/publication/344412643_Optische_Koharenztomographie_und_Perimetrie_fur_die_Erkennung_und_Beurteilung_des_Glaukoms

    LG

    Chanceline